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Au-pair 9




Geisterjagd oder die Suche nach mbu piti

von Jacqueline_K

Ich muss ja nicht sagen, dass mir der Abschied von allen schwer viel. Auch wenn ich jetzt nicht so wie am Anfang im Nichts stand, als ich von den Gamlers weggelaufen war. Dank den Wrights war ich nun mit einigem an Ausrüstung ausgestattet und passte auch mehr ins Outback als in meinem Kleid, meiner Baseballcap und den La Sportiva GTX Wanderschuhen, die, wie Doloreth so treffend bemerkte, bunt waren.
So wurde ich von dem Rezeptionisten des Resorts auch nur sehr kurz gemustert, bevor er mich zu seinem Chef brachte. Der empfing mich herzlich und führte mich dann durch seine Anlage. Dafür, dass wir uns hier im Nichts befanden und die einzige Straße, die hierher führte, eine Schotterpiste war, war dieses Bungalow-Hotel mit Pool der pure Luxus. Rings herum sah man nur roten Sandsteinfels.

„Wer kommt zu ihnen“, fragte ich.
„Hauptsächlich Wanderer und Touristen, die sich für den Nationalpark interessieren. Und dann haben wir noch ein paarmal im Jahr VIPs der Gamler REM Mining Co. zu Besuch.“

Ich zuckte bei dem Namen Gamler zusammen. Wie weit würde ich in Australien laufen müssen, um nicht auf diesen Namen zu stoßen? Aber er würde mich hier wohl trotzdem kaum erwarten. Außerdem hatte ich mich ja total verändert. Ich war nicht mehr das weiße Mädchen mit den dunkelblonden Haaren, was ich am Anfang gewesen war. Jetzt war ich strohblond und nahtlos braun gebrannt. Gebraten wie Amy manchmal meinte, auch aus dem Neid heraus, dass sich bei ihr einfach nur die Anzahl der Sommersprossen flächendeckend erhöht hatte und sie trotzdem weiter aufpassen musste, sie nicht zu verbrennen.

Ich musste lächeln.

„Okay, erzählen sie mir etwas über ihren Geist.“
„Ich denke, dass es ein Mensch ist. Ein verirrter.“
„Warum denken sie das?“
„Wenn man zu lange durch das Outback geht, verliert man den Bezug zu der Realität. Das sieht man doch an den Schwarzen. Die haben doch auch allen einen Sprung in der Schüssel.“

Ich wusste erst nicht, wen er gerade damit meinte, aber als er ein junges Mädchen der Ureinwohner herunterputzte, weil sie seiner Meinung falsch kehrte, wusste ich, wem seine Abneigung galt. Es machte mir den Mann sofort unsympathisch.

„Leider bin ich vom Gesetz gezwungen, mich mit dem Pack abzugeben. Aber in vier Jahren werde ich wieder versetzt. Dann kann sich der nächste mit ihnen herumschlagen.“

Mit dem Satz war mein Respekt für ihn komplett erloschen. Ich war schon am überlegen, den Auftrag abzulehnen und mir Gedanken über meine Weiterreise zu machen, da bekam er einen Anruf und überließ mich dem Mädchen. Als er außer Hörweite war, machte ich mir über seine Art Luft. Das Mädchen lächelte sofort.

„Ja, das ist er wohl alles, auch wenn ich Schwanschgeschicht nicht kenne.“

Wir lachten beide.

„Dann erzähl du mir mal von eurem Geist.“
„Ich denke, sie ist eine junge weiße Frau.“
„Wieso denkst du das?“
„Regelblutung.“
Ich sah sie aufmerksam an: „Die Person könnte sich auch verletzt haben.“
„Nein“, sagte das Mädchen, dass sich als Tianna vorstellte. „Es war definitiv Regelblut. Ich musste es ja aufputzen. Nur Männer halten das für Blut.“
„Wie oft kommt sie?“
„Ein oder zwei mal pro Woche in der letzten Zeit. Ich denke, dass es mit der Regelblutung zu tun hat. Sie ist stärker als eine Normale.“
„Und was ist sie genau? Hat keiner versucht, ihr aufzulauern?“
„In diesem Laden? Wir mussten den Schlüssel zum Waffenschrank verlieren, dass der Boss nicht versucht, sich mit seiner Jagdflinte auf Lauer zu legen. Dem Rest der weißen Personals ist das Mädchen egal und mein Volk will den Mbu piti nicht verärgern.“

Sie seufzte.

„Und was machst du hier?“ fragte ich sie. Sie passte mit seiner aufgeschlossenen Art überhaupt nicht zum beschriebenen Rest.
„Ich verdiene mir hier Geld, um in drei Wochen endlich in Alice Spring aufs College zu gehen.“
„Ich möchte dich als Guide.“

Sie hob die Augenbraue.

„Das wird der aber nicht so toll finden. Du hast gehört, was der von uns hält.“
„Weißt du, wie egal mir das ist?“

Fünf Minuten später hatte ich meinen Willen und der Boss eine Last weniger. Ich laierte ihm dann noch die Ausrüstung für eine Woche wandern aus der Schulter und stand mit dem Gepäck bewaffnet vor Tianna´s Zimmer. Ich sollte eher Loch sagen. Die Tür musste schon nach außen aufgehen, damit man reinkam, der Raum war mit Dusche, Bett und Schrank quasi voll. Ein Fenster hatte der Erbauer nicht für nötig gefunden. Sie strippte den Rucksack als erstes und ließ nur das Essen, zwei Flaschen Wasser und eine Decke von ihrem Bett übrig.

„Der Rest ist unnötiger Luxus des weißen Mannes“, schimpfte sie.

Wir packten alles in meinen kleinen Rucksack, der dafür groß genug war, und verließen dann das Resort. Tianna schaute dabei die ganze Zeit auf den Boden. Plötzlich hielt sie an und ging in die Knie. Sie hielt einen Stein in die Höhe und auf diesem war eindeutig Blut.

„Leck dran, dann weißt du, dass es keines ist.“

Ich verzog angewidert das Gesicht. Ich hatte eine drei Monatsspritze und fand das gerade gut. Ein Problem hier draußen weniger.

„Ihr Weißen seid merkwürdig. Das ist doch was natürliches.“
„Wir finden auch vergammelten Käse toll“, grinste ich.
„Du wirst es nicht glauben, aber den mag ich auch. Zumindest Brie“, grinste Tianna. „So, jetzt sind wir weit genug weg, jetzt kann ich mich wieder in eine Wilde verwandeln.“
Sie stellte sich vor mich und zog sich komplett aus. Ich zog den Rucksack von den Schultern und reichte ihn ihr und sie kramte aus ihm einen mit Schnur verbundenen Einteiler hervor, der entweder aus einer Schlange oder aus einem Krokodil gefertigt war.

„Wow“, sagte ich nur, als sie wieder angezogen war und barfuß vor mir stand. „Wegen mir hättest du aber auch nackt bleiben können.“
„So verwildert bin ich dann aber auch nicht.“
„Schade“, sagte ich und sie sah mich fragend an. Ich tat es ihr nach und stand bald nur in der Sportunterwäsche und wieder geschulterten Rucksack da und halt eben meine Wanderschuhen.
„Die müssen sein. Deshalb bin ich auch als Weißfuß verschrien“, grinste ich und sie lachte.
„Wo denkst du, kommt sie her?“, brachte ich unsere Gedanken wieder auf unser Ziel.
„Ich denke, sie lebt irgendwo zwischen dem Watarrka Park und der Mine. Zumindest führen alle Spuren in die Richtung. Im Park gibt es Wasser und Früchte und in der Steppe Wild, das man jagen kann.“
„Schlangen?“
„Ja die auch. Sind lecker.“

Ich konnte mich schon sehen, wie ich an so einem Ding knabberte. Es schüttelte mich etwas. Dann begannen wir den Lauf. Ich war ja schon einiges gewöhnt von meinen Wanderungen, aber das Tempo, dass Tianna in ihrer lockeren leichtfüßigen Art anschlug, sorgte dafür, dass sie mich in nur zehn Minuten abgehängt hatte. Ich lief noch einmal zehn Minuten weiter und war mir nicht mehr sicher, ob ich überhaupt noch hinter ihr her lief oder einfach nur im Kreis. Zum Glück holte sie mich ab.

„Du bist zu langsam in deinen Schuhen.“
„Glaub mir“, sagte ich. „Ohne die Schuhe wäre ich noch langsamer.“
„So kommen wir heute aber nicht zu unserem ersten Schlafplatz.“
„Und wo soll der sein?“
„Dahinten um die Ecke. Siehst du die Berge?“
„Ja. Aber ich denke, dass wir da auch ohne Rennen hinkommen. Ich habe keine Angst vor der Dunkelheit.“
„Da bist du aber die erste.“
„Ich hab ein Handy und das hat eine Taschenlampen-Funktion und hier wahrscheinlich noch immer vollen Empfang.“
„Du bist also eines dieser Googlegirls“, spukte sie fast abfällig aus.
„Misses Google, wenn ich bitten darf. Mein Profil hat Millionen von Usern, die mich in die ganze Welt verfolgen und denen ich mein süßes Lächeln vor den schönsten Spots der Welt präsentiere. Dieses Jahr, wandern zwischen Sand und Büschen mit meiner liebreizenden Führerin Tianna, die dadurch zwangsläufig zusammen mit mir weltbekannt wird. Das Dumme ist nur, weißt du, wo mein Handy ist?“
„In deinem Rucksack?“
„Und da bleibt es auch. Ich versperr mir doch nicht mit so einem blöden Bildschirm die Aussicht auf die Welt.“
Tianna senkte den Blick.

„Entschuldigung, es war nicht so gemeint.“
„Doch war es und wir haben es jetzt geklärt. Du bist genauso jemand anderes als der Rest unserer Artgenossen und das Wissen auch deine Leute. Im persischen bedeutet dein Name Prinzessin, also Tochter des Herrschers.“
Sie sah mich groß an.

„Meine Güte. Ich bin die Enkelin der weisen Frau. Obwohl das bei uns keinerlei Bedeutung hatte. Aber mein Clan hatte mehr weise Frauen als weise Männer. Früher. Aber ich bin zum Teil die Tochter der gestohlenen Generationen.“

Ich sah sie etwas verwirrt an.

„Das war so“, begann sie zu erzählen. „Früher hat man mein Volk wie die Indianer in Amerika behandelt. Sie haben uns eingefangen und in Reservate gesteckt, wo wir eigentlich nicht überleben konnten. Da sie uns nicht sterben lassen durften, gaben sie uns Häuser und weißes Essen und natürlich Alkohol. Viele meines Volkes wurden abhängig und Taten bald alles dafür, weiter Stoff zu bekommen. Frauen schliefen mit den weißen Bewachern. Daraus erwuchsen natürlich Kinder. Ureinwohner waren für die Weißen wertlos, aber in den Mischlingen sahen sie eine Möglichkeit, an billige Arbeitskräfte zu kommen. Also rissen sie die Kinder aus den Armen ihrer Mütter und brachten sie weg. Für mein Volk wurden diese Kinder aus der Traumzeit gerissen. Aus unserer spirituellen Gemeinschaft. Ich bin die Enkelin einer Ureinwohnerin und eines weißen Bewachers. Opa ist nett, aber er konnte nicht verhindern, dass meine Mutter aus den Armen meiner Oma gerissen wurde. Er war damals noch Teil des Systems. Sie war eine der Letzten, der man das antat. Mein Opa ist damals mit meiner Oma und dem ganzen Clan im Outback untergetaucht, um den Rest seiner Familie vor dem staatlichen Zugriff zu schützen. Doch für meine Mutter war das zu spät. Sie wurde wie eine Weiße groß gezogen, aber ihr wurde auch immer gesagt, dass sie es nicht ist. Mit zwanzig lief sie dann weg und hatte eine Affäre mit meinem Vater. Leider wurde sie zurückgeholt, um weiter für die reiche Familie zu arbeiten und zu kochen. Und damit sie nicht auf die Idee kommt, sich wieder abzusetzen, gab man ihr einen Mann.“

Sie sah in die Ferne.

„Ich bin in diesem Haushalt aufgewachsen. Mein Stiefvater war immer streng und unnahbar. Er hat mich nicht schlecht behandelt. Um es genau zu nehmen, hat er mich nur bewacht. Was die beiden zusammenhält, habe ich nie verstanden. Irgendwie sind die beiden glücklich, aber ich habe mich mit sechzehn zur Familie meiner Oma abgesetzt. Und so wurde aus mir die Tochter zweier Welten.“
Ich musste an den Butler und die Köchin denken, die so weit auseinander waren und doch im Bett ein Paar.

„Wo wohnt deine Mutter und dein Stiefvater?“
„Bei ihrem Herrschaften in Perth. Dem Typ gehört hier draußen auch die Mine.“
„Gamler“, sagte ich. „Ich kenne deine Mutter und deinen Stiefvater. Ich bin auf der Flucht vor ihm und Gamler.“

Sie starrte mich nur an.

„Ich habe echt Talent für so etwas“, sagte ich. „Egal wo ich auftauche, finde ich Sachen, die zusammen gehören. Oder rette jemanden oder muss selber gerettet werden.“
„Kommen da deine Verletzungen her? Ihr weißen k**s habt ja da teilweise merkwürdige Vorstellungen, was schön ist. Tochter Gamler war irgendwann mit zehn ein Grufti und hatte Stacheln statt Augenbrauen. Daraufhin sind beide Kinder in der Schweiz im Internat gelandet.“
„Bei mir ist fast alles natürlich. Messer“, ich zeigte auf meine Messerstich Narbe, „Hai“, ich zeigte auf meine Wade „und Nadeln“ und zeigte ihr mein Brusttattoo.

„Also doch merkwürdige westliche Verzierungen. Schöner Drache.“

Ich versteckte ihn wieder.

„So etwas habe ich auch“, sagte Tianna jetzt und löste ihr Oberteil und drehte sich um. Auf ihrem Rücken schlängelte sich eine buntes Drachenschlangengeschöpft. Ich trat an sie heran und spürte darin kleine Erhebungen, die dem Ganzen noch etwas Plastisches gaben.
„Das ist wunderschön“, sagte ich. „Das ist die Regenbogenschlange, oder?“
„Tatsächlich ja. Du hast dich mit unserer Kultur beschäftigt?“
„Ein bisschen, obwohl ich nicht viel verstanden habe.“
„Da gibt es auch nicht viel zu verstehen. Man kann es nur fühlen. Ich werde wohl mein ganzes Leben brauchen, um wieder Teil der Traumzeit zu werden, wenn mein analytischer Verstand mir da keinen Strich durch die Rechnung macht.“
„Was will den dein analytischer Verstand, dass du wirst?“
„Anwalt. Ich werde Jura an der Queens studieren. Die sind die Besten. Aber vorher brauche ich ein Abschluss an einem anerkannten College. Der Weg ist für unser einer etwas länger als für andere Einwohner dieses Landes.“
„Apropo Weg. Wie weit haben wir noch und sind wir noch auf ihrer Spur?“

Tianna bückte sich und hob wieder eines dieser blutigen Steinchen hoch.

„Ich denke ja. Aber wir werden die Spur bald verlassen müssen. Ohne den wärmenden Fels im Rücken wird die Steppe zu kalt.“
„Okay.“
Nach einer weiteren Stunde des Wanderns und über alles mögliche unterhaltend, ich erzählte ihr dabei mehr von mir und meiner Welt, hatten wir die Ecke des Sandsteinplatos erreicht.

„Merkwürdig“, sagte Tianna.
„Was?“
„Sie biegt auch ab. Ich hatte erwartet, dass sie dort drüben irgendwo ist. Aber sie scheint hier in der Nähe des Plato zu leben.“
„Was ist daran merkwürdig?“
„Je weiter man nach Osten geht, um so weniger Wasser findet man und ohne das lebt man nirgends lange. So, wir gehen jetzt trotzdem da hoch.“
Oben war eine kleine Höhle, die einen sehr wohnlichen Eindruck machte. Vor allem war sie aufgeräumt und sauber.

„Tianna? Du bist hier nicht zum ersten Mal.“
„Nein, das bin ich nicht und du bist die erste Person, die ich hierher nehme.“

Ich sah etwas Weißes in der hinteren Ecke aufleuchten.

„Was isst du, wenn du herkommst.“
„Ich bring mir was mit, warum?“

Ich setzte mein Rucksack ab und holte mein Handy raus. Ich leuchtete in die hinter Ecke. Dort fand ich Knochen eines Tieres, in denen eine Pfeilspitze aus Metall steckte. Dazu noch die silbrige Hülle eines Schokoriegels. Und ich fand Blut in der Mitte einer Kuhle im Sand.

Sie war hier gewesen.

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