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Au-pair 10




Trübe Gewässer

von Jacqueline_K

Die Nacht hatten wir zusammengerollt in einer Decke verbracht und ich musste mich zusammenreißen, meine Finger nicht bei ihr auf Wanderschaft zu schicken. Am Morgen stellten wir Überlegungen darüber an, was mit der Frau war.

„Ich denke, die Frau war schwanger“, sagte Tianna.
„Aber du sagtest, das seien Regelblutungen.“
„Das dachte ich. Aber wie viel Blut verliert jemand wie du bei so etwas?“

Ich dachte darüber nach. Eigentlich nicht sehr viel. Durch die drei Monatsspritze wurde das ja vollkommen unterdrückt, deswegen war es etwas her, dass ich die letzte Regel hatte. Beim ersten Mal war es viel gewesen. Aber es war vielleicht ein Kölschglas voll. Mehr auf keinen Fall.
Alleine das Blut in der Kuhle war mehr. Aber bei so viel Blut war sie bald tot, wenn es ihr Blut war. Und wenn nicht, war sie es vielleicht trotzdem bald.

„Wir müssen sie finden. Unbedingt“, sagte ich.
„Was vermutest du?“
„Eine unvollständige Plazentaablösung. Diese Frau verliert sie jetzt tröpfchenweise, aber wenn sie keine Antibiotika bekommt und sie trifft auf einen unbekannten Keim, ist sie und ihr Kind bald tot.“
„Aber warum bleibt sie mit ihrem Kind in der Wildnis? Warum bleibt sie nicht beim Resort?“
„Das werden wir sie fragen, wenn wir sie treffen.“
Wir liefen an diesem Tag weiter ihren Spuren hinterher, die sich bald verzweigten. Es schien so, als kämen wir in das Gebiet, dass sie bewohnte. Bald waren wir in einem breiten Tal, das am Ende von dem Plato umrandet wurde. Hier in Sichtweite des Endes kreuzte die Spur auf einmal einen Pfad, der viel stärker frequentiert war. Auch schien teilweise eine sehr alte Fahrspur darin verborgen zu sein. Hier waren schwere geländefähige Fahrzeuge durchgefahren und hatten den Sand durchwühlt und Büsche umgerissen. Wir folgten der Spur nach rechts, bis sie vor die Wand des Platos führte. Hier hatten die Fahrzeuge gewendet. Der Trampelpfad indes führte den Hang nach oben. Oben sah ich zuerst das Heck eines Flugzeugs. Ich bekam sofort ein ganz schlechtes Gefühl. Ich rannte fast zu der Maschine.

„Jac, was hast du?“
„Ich weiß noch nicht.“
Ich riss die Cockpit Tür auf und fand nichts. Zumindest waren da keine Leichen. Aber hier war auch sonst nichts. Nichts erinnerte daran, dass dieses Flugzeug von jemanden benutzt worden war. Weder Gepäck noch Instrumente noch Werkzeug waren in dem Flugzeug. Jemand hatte sich die Mühe gemacht, alles aus der Maschine zu reißen, was elektronisch oder persönlich war. Die Sitze waren nur noch Gerippe.

„Schrottsammler waren es aber wohl nicht, denn der Motor ist noch in der Maschine“, bemerkte ich.
„Irgendwer hat auf das Flugzeug geschossen“, sagte Tianna. „Da sind Löcher in der Tragfläche. Von unten.“
„Deshalb ist es auch abgestürzt. In den Tragflächen ist meist der Tank.“
„So jetzt erklärst du mir, wen du hier vermutest.“

Ich kramte in meinem Rucksack und holte das Handy heraus. Ich suchte das Bild, was ich von dem Board gemacht hatte. Das auf dem Elli drauf war.

„Wenn sie das ist, dann ist sie jetzt etwas mehr als 13 Monate hier draußen. Dann wurde sie entweder hier draußen vergewaltigt oder ihr Kind ist jetzt 4 Monate Alt. Und dann ist es nicht die Plazenta, sie wäre längst tot.“
„Bist du dir da sicher?“, fragte ich sie verzweifelt.
„Nein. Aber es könnte auch jemand vollkommen anderes sein. Und das Flugzeug hat nichts damit zu tun.“
„Aber jetzt will ich sie umso mehr finden und ich habe ein ganz komisches Gefühl.“

Wir gingen den Pfad wieder zurück und folgten der Fahrspur. An einem Busch zweigte der Trampelpfad von der Fahrspur ab und folgte einem ausgetrockneten Wasserlauf in einen Canon. Nach etwa hundert Meter in dem Canon blieb Tianna stehen.

„Was ist?“
„Die Spur, sie ist weg.“
„Das kann nicht sein. Hier gibt es nur senkrechte Wände. Da kann keiner hoch. Nur geübte Kletterer.“
„War sie so was?“
„Sie war sehr sportlich. Aber ich kann es nicht sagen. Aber das müsste man doch sehen, vor allem wenn es häufiger gemacht wird.“

Tianna nickte. Wir gingen zurück und betrachteten die Wände. Nichts deutete darauf, dass dort einer hochgeklettert war. Eine Sackgasse?

„Auf wie Alt schätzt du die Reifenspuren“, fragte ich Tianna.
„So lange her wie der Absturz, die Büsche in der Spur hatten Zeit zum Erholen.“
„Dann halte ich eine ständige Irreführung für blödsinnig. Außerdem muss auch ihr auffallen, dass sie Blut verliert. Sie ist hier irgendwo.“
„Dann schauen wir in die falsche Richtung. Wir müssen zu Boden schauen.“

Wieder gingen wir vorsichtig den Canon entlang. Plötzlich meinte ich das Heulen eines Kindes zu hören. Es klang wie in einem Saal.

„Gibt es im Sandstein Höhlen?“
„Kann es geben. Aber ich war noch in keiner. Meistens sind sie künstlich.“
„Was baut die Mine ab?“
„Seltene Erden. REM bedeutet Rare Earth Metall. Danach wurde hier schon früher gegraben. Schon zu Zeiten des Zweiten Weltkriegs.“
„Was wenn es hier eine Mine gibt, eine aufgegebene?“
„Da bringt mich nichts rein.“
„Wegen Geister?“
„Wegen einstürzenden Decken.“
Plötzlich hörten wir beide das Schreien des Kindes.

„Ich weiß nicht, was du machst, aber ich suche diese Mine und gehe da hinein. Ich lasse diese Frau und ihr Kind nicht im Stich, nur weil es gerade etwas gefährlicher ist.“

Ich suchte nun intensiv nach dem Eingang und fand ihn unter einem herabgestürzten Felsen.

„Ich bleib draußen“, stellte Tianna fest.
„Dann behalte den Rucksack. Ich nehme nur das Handy mit. Und wenn hier jemand rauskommt und das bin nicht ich, dann hältst du die Person fest. Klar?“
„Ist ja gut.“

Ich kroch mit dem Handy in der Hand in den Stollen. Nach nur wenigen Metern konnte ich wieder stehen und sah zu meinen Füßen Schienen liegen, die in die Tiefe führten. Ich war gute 100 Meter weit gekommen, da sah ich, dass der Gang überflutet war. Ganz leise verhielt ich mich. Es dauerte nur ein bisschen und ich hörte wieder das Baby schreien. Es war nicht so ein verärgertes Schreien, mehr so ein Glucksen, wie wenn mit einem Kind gespielt wird.
Also konnte der Stollen nicht ganz überflutet sein. Ich watete ins Wasser und leuchtete vorsichtig hinein. Bald war es so tief, dass ich bis zum Bauchnabel darin stand. Ich sah weiße Schatten durch das Nass gleiten: Höhlenfische. Sehr praktisch zum Überleben, wenn man sie fangen konnte.
Vor mir erweitert sich der Stollen zu einer Höhle in der Mitte war ein See und an den Seiten sah ich, dass scheinbar die Decke herunter gekommen war. Oben war ein kleines Loch, durch das Licht hereinfiel. Ich schaltete mein Handy aus. Nachdem ich mich an den Halbschatten gewöhnt hatte, watete ich weiter durch das trübe Nass.
Wieder stand ich still und lauschte. Wer immer mit mir hier in der Höhle war, hatte dem Kind was in den Mund gesteckt. Ich hörte ein Plätschern, aber das war es auch schon. Aber ich hatte das Gefühl, dass das Geräusch des Babys aus einer anderen Richtung gekommen war. Ich folgte meinem Gefühl und strebte nach rechts. Dort war der Untergrund sandiger und stieg langsam an. Ich war nur noch bis zu den Knien im Wasser, da stieß etwas gegen mich. Ich schlug der Länge nach hin, mein Gesicht und meine Hände landeten auf dem Trockenen. Mein Handy war weg, es war mir aus der Hand geglitten.
Im Umdrehen setze ich mich hin, um mich neu zu orientieren, da durchfuhr mich ein brennender Schmerz an der Innenseite meines linken Beines fast in der Nähe meines Schrittes. Ich schrie gellend auf und spürte, wie Sand von der Decke rieselte. Etwas riss an mir und als ich runter Griff, fühlte ich Schuppen.
„Gott verdammt“, schrie ich und spürte, dass dieses etwas mich mit aller Kraft ins Wasser zerren wollte. Und dann kam ein Schatten geflogen und ich sah Metall blinken. Das Geräusch von Stahl, das in Fleisch und Knochen drang, war zum einen erschreckend, zum anderen ließ aber der Zug nach. Aber der Schmerz blieb und ich ließ mich nach hinten ins Wasser fallen. Ich heulte, ich konnte nicht anders. Als Nächstes hörte ich aufgischtendes Wasser und Tiannas Stimme:

„Jac. Jac. Wo bist du. Was ist passiert?“

Ich sah die Gestalt über mir nervös in Richtung von Tianna blicken. Die darf ich jetzt nicht verlieren, dachte ich und schnappte sie mir, trotz der höllischen Schmerzen im Bein. Das Wesen versuchte, sich mit aller Kraft aus meiner Umarmung zu lösen, aber ich krallte mich unerbittlich fest. Aus einer Eingebung heraus rief ich:

„Elli, bitte Verlass mich nicht.“

Der Schatten hielt augenblicklich still.

„Elli, bleib bei mir. Ich hab dich solange gesucht.“

Tianna war nun ganz nah bei uns und schien dann über etwas zu stolpern, was wieder an mir zerrte. Ich konnte nicht anders als Schreien. Eine Hand verschloss meinen Mund. Leise flüsterte eine raue Stimme einer Frau. Langsam entschwanden mir die Sinne. Aber ich durfte Elli nicht loslassen.

Dunkelheit.

Als ich wieder wach wurde, lag ich im Schatten einer Klippe und sah sowohl Feuer als auch den Sternenhimmel. Ich roch den Duft köstlichen Fleisches. Aber der Schmerz war noch immer da: „Aua.“
„Jac, Gott sei dank, du bist wach. Ich dachte, das Vieh hat ein Blutgefäß erwischt, dass ich nicht gesehen habe.“

Meine Hand fuhr zur Innenseite meines Schenkels und fand einen Verband.

„Ein tolles Land ist Australien. Sobald man einem Gewässer zu nahe kommt, will einen irgendwas darin fressen.“
„Ich sehe, ihr geht es gut“, sagte eine andere Stimme. „Sie macht dumme Scherze.“
„Elli“, sagte ich.
„Ich weiß nicht, wer das ist. Aber es lässt was in mir klingen.“
„Wer bist du?“, fragte ich sie.
„Wenn ich das wüsste“, sagte die Stimme. „Ich weiß nur, ich werde gejagt und jemand will meinen Tod.“

Ich richtete mich auf und sah die Frau, die ein kleines Kind an ihre Rechte unbedeckte Brust hielt. An ihrer Stirn befand sich eine hässliche Narbe, die von einem Auge bis tief in den Haaransatz führte. Auch an einem Arm hatte sie eine Wunde, die verdächtig nach einer Schusswunde aussah. Ansonsten sah sie trotzdem Elli ähnlich. Ich hatte ihr Gesicht lange genug studiert, um das sagen zu können. Aber der letzte Beweis versteckte sich unter ihrer linken Brust.

Ich wollte aufstehen, doch ich sackte sofort wieder mit Schmerzen runter.

„Die nächste Woche gehst du nirgends hin“, stellte Tianna bestimmt fest.
„Ich muss trotzdem etwas wissen“, sagte ich und rutschte, meine schmerzendes Bein hinterherziehend auf die Frau mit dem Baby zu. Die schaute mir aufmerksam entgegen. Als ich bei ihr war, ging ich ihr an die Wäsche. Langsam schob ich ihr vollkommen zerschlissenes Hemd nach oben und da war er, der Kopf des Drachen, der unter ihrer linken Brust nach vorne Schaute.

„Der Beweis. Du bist Elisabeth Wright.“
Ich sacke ins dunkel.

Ich wachte von einem Streit wieder auf.

„Wir müssen zu den Häusern.“
„Nur über meine Leiche.“
„Das könnte tatsächlich passieren und über die von Jac. Glaubst du, dass die blauen Adern und das Blut an deinen Beinen keinen Grund haben, irgendetwas vergiftet dich. Abgesehen davon warst du doch schon da.“
„Nur wenn die Männer nicht da waren.“
„Welche Männer?“
„Die Minenmänner. Die haben das in meinen Pool geworfen, nach dem sie mich nicht rausbekamen. Sie wollen mich und mein Kind töten.“

Ich blickte auf und sah Sam, in klein und niedlich.

„Hallo, Sam.“
Elli drehte sich um und kam zu mir. „Woher weißt du, dass er Sam heißt? Ich habe nicht gesagt, wie er heißt.“
„Er sieht haargenau aus wie Samuel.“

Wieder zuckte es in Elli.

„Ich kenne auch deine Brüder. Dominik und Jeremia.“

Ich sah ihr Gesicht. Es war wie versteinert.

„Sie sind sich so ähnlich von außen und ein bisschen auch von innen. Obwohl Dom definitiv mehr das Abenteuer liebt. Ich kenne Dolly, die Eifersüchtige, mit der du einen Laden hast. Ihr wirst du da was mit Sam junior erklären müssen.“
Elli ging in die Knie und ich sah Tränen an ihrem Gesicht herunterlaufen.

„Ich kenne Maggie, deine Mama und deinen Papa, der vergessen hat, sich vorzustellen.“
„Das macht er nie“, flüsterte Elli wie in Trance. „Er findet, Heribert ist ein schrecklicher Name. Der Name meines Uropas.“

Dann heulte sie laut und verzweifelt, sodass Tianna dazu kam und sie umfing: „Elli lass es raus. Jetzt bist du nicht mehr alleine.“
„Ja“, schluchzte sie. „Ich bin Elli und ich bin nicht mehr alleine.“

Später lagen wir zu viert in die Decke gehüllt da. Elli und der Kleine schliefen. Tianna tippte mich an.

„Ihr drei müsst zu einem Arzt.“
„Aber nicht im Resort.“
„Das ist der einzige Ort hier.“
„Trotzdem, es geht nicht. Überlege mal. An welchem Ort kann ein Flugzeug hier in der Gegend mit einer Waffe abgeschossen werden, die so große Löcher hinterlässt? Wer könnte ein Interesse daran haben, dass die Personen in dem Flugzeug nie wieder auftauchen? Wer ist in der Lage, Krokodile in einer unterirdischen Höhle auszusetzen. Wie weit ist der nächste reguläre Lebensraum von denen weg? So und was glaubst du, machen die mit uns, wenn wir im Resort auftauchen? Was ist, wenn die uns darauf angesetzt haben, sie zu finden? Ich bin eine passlose Rucksacktouristin, deren Verschwinden keine Rolle spielt. Du bist eine dumme Eingeborene und sowieso nichts wert und Elli ist offiziell tot. Also, was denkst du?“

Tianna starrte in den Himmel: „Aber ich kann euch doch nicht beim Sterben zuschauen und einfach so Antibiotika bekomme ich auch nicht.“
„Hast du ein Auto?“
„Jeder in Australien hat mit achtzehn ein Auto. Vor allem hier im Outback.“
„Dann bring uns nach Alice Spring.“
„Das sind 300 Meilen auf der Landstraße. Und wenn ich jetzt verschwinde, dann kann ich mein College nicht bezahlen.“
„Du machst dir um das falsche Sorgen. Was glaubst du, was passiert, wenn du der Familie Wright Elli und einen Enkel zurückgibst? Du wirst adoptiert, ob du willst oder nicht. Die werden alles für dich tun.“
„Aber du hast sie gerettet. Ich war nur aus Zufall dabei.“
„Minimiere nicht deinen Anteil. Du willst doch juristisch für die Gleichberechtigung kämpfen. Dann hör auf von dir als weniger zu denken. Und glaub mir, die werden dich lieben.“
„Okay, ich hol das Auto.“

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